Öl auf Leinwand, 50 x 50 cm, gerahmt 67 x 67 cm
Signiert auf der Vorderseite
GIANNI LONGINOTTI (1927–2007)
Gianni Longinotti war ein italienischer Maler aus Padua, dessen Schaffen besonders eng mit Canale di Tenno verbunden ist – einem mittelalterlichen Ort in der Region Trient-Oberadige.
Ein wichtiger Meilenstein in seiner Karriere war das Jahr 1970, als er am nationalen Malereiwettbewerb „G. Segantini“ in Tenno teilnahm und mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Fasziniert von der Atmosphäre in Canale di Tenno kaufte der Künstler dort ein Haus, in dem er sein Atelier „Ca’ Dina“ einrichtete. Dieser Ort wurde nicht nur zu seinem Lebens- und Arbeitsraum, sondern auch zu einem persönlichen Archiv der Erinnerungen, gefüllt mit Gemälden, Familienfotos, Spitzen, Stoffen, Blumen, Puppen sowie Fundstücken und Erbstücken aus der Vergangenheit.
Longinotti stellte seine Werke unter anderem in Mailand und Rom aus und arbeitete dabei mit den Galerien Levi, Arcobaleno und La Barcaccia zusammen. Sein Werk wurde auch von der Casa degli Artisti „Giacomo Vittone“ in Canale di Tenno präsentiert. Die Präsenz des Künstlers hat sich dauerhaft in die Geschichte des Ortes eingeschrieben – die Fassade seines ehemaligen Hauses ziert ein von ihm geschaffenes Wandgemälde.
Longinottis Schaffen bewegt sich an der Schnittstelle zwischen figurativer Malerei, Symbolismus und poetischem Surrealismus. Charakteristisch für seinen reifen Stil sind schlanke, entwirklichte Frauenfiguren mit hellen, fast porzellanartigen Gesichtern. Begleitet werden sie von Blumen, alten Fotografien, Spitzen, Stoffen, Karten und Gegenständen, die als Erinnerungszeichen dienen.
Der Künstler erzählt keine Geschichten im wörtlichen Sinne. Vielmehr schafft er visuelle Erinnerungen – persönliche, fragmentarische und zwischen Realität und Traum schwebende. Seine Bilder erinnern an Szenen aus einem alten Familienalbum, die jedoch durch Zeit, Fantasie und Emotionen verwandelt wurden.
„Memorie“, also „Erinnerungen“, ist eine für das reife Schaffen von Gianni Longinotti äußerst charakteristische Komposition, die dem Gedenken, dem Vergehen und der emotionalen Präsenz der Vergangenheit gewidmet ist.
Das dominierende Element der Darstellung ist eine monumentale, blasse Frauenfigur. Durch ihre unwirkliche Größe wirkt sie nicht wie eine gewöhnliche Protagonistin der sich abspielenden Szene. Sie erinnert vielmehr an das Gespenst einer Erinnerung – das Bild einer Person, das im Gedächtnis bewahrt wurde und nach Jahren in einer Form zurückkehrt, die größer und intensiver ist als die sie umgebende Realität.
Die Frau wird alten ländlichen Gebäuden und der kleinen Gestalt eines älteren Mannes gegenübergestellt. Ein deutlicher Unterschied in den Proportionen trennt zwei Ebenen: die materielle Welt, repräsentiert durch Häuser und den menschlichen Alltag, und die Welt der Erinnerung, in der Personen, Orte und vergangene Ereignisse eine unwirkliche Größe annehmen können.
Die Architektur dient hier nicht nur als landschaftlicher Hintergrund. Das alte Haus wird zum Symbol für Familiengeschichte, Verwurzelung und die in den Mauern bewahrte Zeit. Die Gestalt des älteren Mannes lässt sich als Hüter der Vergangenheit, als Zeuge vergangener Ereignisse oder als letzter Bewohner einer Welt interpretieren, die vor allem noch in der Erinnerung existiert.
Longinotti verwischtbewusst die Grenze zwischen Porträt, Landschaft und symbolischer Vision. Es entsteht eine melancholische und äußerst persönliche, zugleich aber universelle Komposition – eine, die sich auf die Erfahrung der Erinnerung, des Verlusts und der Rückkehr zu Menschen und Orten bezieht, die nicht mehr zurückgewonnen werden können.
Das Werk stammt aus dem Jahr 1996, also aus der reifen Schaffensphase des Künstlers. Titel und Datierung wurden von Longinotti eigenhändig auf der Rückseite vermerkt, was ein wesentliches dokumentarisches Element darstellt und den direkten Bezug des Bildes zum Atelier des Künstlers in der Region Tenno bestätigt.
Das Gemälde ist in einem dekorativen Rahmen präsentiert, der seinen Sammler- und Repräsentationscharakter unterstreicht.



